OKTOBER 10
Ehemaliger Eisverkäufer, früherer Straßenschläger mit der Erfahrung von geschätzten 700 Rangeleien, Asthmatiker, WBO-Weltmeister 2006, Schauspieler, Model, Entertainer, Geschäftsmann - Shannon Demont Briggs ist ein Mann mit vielen Gesichtern. Geboren und aufgewachsen in Brownsville, Brooklyn, New York, – einem berüchtigten Stadtteil, in dem auch Mike Tyson und Riddick Bowe groß wurden, lernte Briggs schon früh, wie man sich im Leben alleine durchboxt. Seine heroin- und cracksüchtige Mutter starb an einer Überdosis, sein Stiefvater verstarb im Gefängnis. Im Alter von 17 Jahren entdeckte Briggs den Boxsport für sich und nahm in Jimmy O‘ Pharrows Starrett City Gym in New York das Training auf. Auf seinem Karriereweg durchlief er fortan Höhen und Tiefen. Am Samstag mündet dieser Weg in dem WM-Kampf nach Version des WBC gegen Titelverteidiger Vitali Klitschko in der Hamburger O2-World (RTL, live ab 22.10 Uhr).
So vielfältig und so sichtbar von Ups und Downs geprägt der Mann mit der Rastafarifrisur ist, so bunt ist auch die 18-köpfige Entourage, die ihn derzeit in Deutschland begleitet. Bis Freitag logiert Shannon Briggs mit seinem Gefolge im Gut Apeldör in Heide, wo ihn sein deutscher Mentaltrainer Torsten Kanzmeier untergebracht hat. Den hatte er vor gut einem Jahr über Facebook kennengelernt und dann vor wenigen Wochen vom Fleck weg engagierte, damit der ihn in Florida die Geheimnisse des „inneren Boxens“ lehrt. Dass sich der 38-Jährige so kurz vor seiner letzten WM-Chance auf ganz neuartige Trainingsmethoden eingelassen hat, spricht für die Offenheit von Briggs im Herbst seiner Karriere. Ein weiterer Beleg dafür ist die kurzfristige Verpflichtung von Anamargret Sanchez, die seit vier Wochen täglich eine Stunde Yoga-Übungen mit ihm macht, jetzt in Deutschland sogar zweimal pro Tag. Sanchez praktiziert Hatha Yoga, eine Form, in der durch körperliche Übungen, spezielle Atempraktiken und Meditation ein Gleichgewicht zwischen Körper und Seele angestrebt wird. Zu Sanchez’ Schülern daheim in Miami gehören u.a. Basketballer von den Heats.
Auch ein Mitgleid der Briggs-Gang: DJ Structure aus Brooklyn, der für Briggs die Einmarschmusik arrangiert: „Shannon Bio“, eine Kompilation aus Sam Cookes song „A change is gonna come“ und eigenen sounds. Beim Pressetraining gab es dazu bereits eine Hörprobe, für die die junge britische Sängerin Layla Rose kurzerhand in den Ring kletterte.
Sport meets Entertainment – beinahe wäre es ganz nach Briggs’s Motto am Donnerstag noch zu einem Auftritt des Klitschko-Herausforderers in der TV-Show von Stefan Raab gekommen. Am Ende war Briggs die Reise ins Kölner Studio aber doch zuviel – am Mittwoch sagte er kurzfristig ab.
RTL-Interview mit Shannon Briggs:
Mister Briggs, wie fühlen Sie sich kurz vor dem Kampf?
„Ich fühle mich großartig. Um ehrlich sein, habe ich mich in meinen 18 Profijahren noch nie besser gefühlt.“
Ihr Asthma bereitet Ihnen demnach keine Probleme mehr?
„Dank eines Arztes, der mir als geborenem Asthmatiker ein spezielles Präparat entwickelt hat, das mir wirklich hilft, bin ich vor diesem Kampf so entspannt wie nie zuvor. Früher hatte ich immer diese Phobie, nicht zu wissen, wie ich mit meiner Krankheit im Kampf aufgestellt sein werde. Die Leute sagten dann immer, ich hätte kein Kämpferherz. Aber dieser Cocktail hat mein Leben verändert.“
Bei der Pressekonferenz am vergangenen Montag sind Sie ja richtig in Rage geraten. Was war da los?
„Ich wollte ihn nicht beeindrucken. Aber dass er in einem Interview zuvor gesagt hatte, Asthma sei keine ernsthafte Krankheit und ich suche nur schon mal eine Entschuldigung für den Fall, dass ich verliere, war sehr respektlos gegenüber allen Asthmatikern. Tausende von ihnen haben mir E-Mails geschrieben, um mir mitzuteilen, ein Sieg über Vitali wäre eine große Ermutigung für sie und ihre Krankheit. Natürlich gibt es Sportler, die asthmakrank sind, aber ich bin ein Boxer, das muss man sich einmal vorstellen. Ich bin ein asthmakranker Kämpfer, der zwei Mal Weltmeister wurde mit einer Krankheit, an der 13 Menschen in Amerika täglich sterben. Und da kommt so ein ‚Doktor’ daher und redet schlecht über Asthmatiker. An ihm haftet jetzt ein schlechtes Karma.“
Was erwarten Sie von dem Kampf gegen WBC-Weltmeister Vitali Klitschko?
„Oh Mann, das wird ein phänomenaler Fight. Vitali hat die Wahl, ob er aufgeben oder eins auf die Rübe bekommen und ausgeknockt werden will. Er ist ein Feigling und ein Kneifer. Das war er immer schon und wird es immer bleiben. Ich dagegen habe noch nie einen Kampf aufgegeben. Beim Byrd-Kampf hat Klitschko aufgegeben und gestöhnt, seine Schulter würde schmerzen. Vor dem Kampf gegen Hasim Rahman hat er sich mit Rückenschmerzen gedrückt. Dann kamen weitere Rücken- und Knieverletzungen. Ich weiß einfach nicht, mit wem ich es da zu tun habe. Er ist ein Abgeordneter, ein Politiker, ein Geschäftsmann. Ich bin nicht davon, ich bin einfach ein Mann, der einen Titel gewinnen will. Der Druck liegt auf Vitali, er hat viel zu verlieren, ich hab nur etwas zu gewinnen.“
Welche Rolle wird das Alter spielen? Sie sind 38, Vitali ist 39 Jahre alt...
„Das sind doch nur Zahlen, wichtig ist, wie du dich fühlst. Und da sind eben die vielen Verletzungen, die Vitali hatte. Und dann hat er zuletzt doch nur gegen Flaschen geboxt: Samuel Peter, Juan-Carlo Gomez, Chris Arreola, Albert Sosnowski – diese Typen hatten doch gar nicht das nötige Format. Keine Schnelligkeit in Armen und Beinen, keine harten Hände und keine Erfahrung, wie ich sie habe. Ich habe gegen George Foreman geboxt, dann gegen Lennox Lewis und Francois Botha – gerade diese beiden waren harte, toughe Jungs auf der Höhe ihrer Karriere. Naja, Vitali hat zwar auch gegen Lennox Lewis geboxt, aber in einem Zustand der Angst. Nein, Vitali ist nicht bereit für mich.“
Was halten Sie von dem unorthodoxen Stil von Vitali Klitschko?
„Bei der ersten Pressekonferenz vor ein paar Wochen flüsterte mir Vitali beim Stare Down ins Ohr, er werde bei unserem Kampf die ganze Zeit über die Arme baumeln lassen und nicht hochnehmen. Ich bete zu Gott, Allah, Buddha und allen anderen Göttern, dass er Wort hält. Denn ich beschreibe seinen Kampfstil mit den baumelnden Armen und den krakenhaften Schwingern als den Kung Fu-Oktopus-Stil. Und diesen Oktopus werde ich in meinem Netz fangen.“
Sie haben mit Torsten Kanzmeier einen deutschen Mentaltrainer verpflichtet. Was versprechen Sie sich von seinen Methoden?
„Ich bin ein geborener Punsher und bin deshalb nicht so sehr auf sein Schlagkrafttraining angewiesen. Aber er hat mir sehr viel positive Energie gegeben und mir beigebracht, wie ich die im Kampf zu meinem Vorteil einsetzen kann. Ich denke, dass ich nun weniger unnötige Energie verschwende, um meine Schläge aufzuladen. Torsten lehrt mich mental, nicht angestrengt zu versuchen, einen K.o.-Schlag anzusetzen, sondern ihn auf natürliche Weise kommen zu lassen. Wir haben uns vor über einem Jahr bei Facebook kennen gelernt, damals hatte er sich mir mit seinem Schlagkrafttraining angeboten. Ich war zögerlich und sagte, mal schauen, vielleicht sehen wir uns ja einmal in Deutschland, wenn ich gegen einen Klitschko boxe. Und hier sind wir. Er hat mich in Miami trainiert, er hat mich hier wie ein Familienmitglied aufgenommen. Ich habe Torsten sehr viel zu verdanken, er ist ein wunderbarer Mensch, der mir sehr viel gegeben hat.“
Wie gefällt Ihnen der Austragungsort Hamburg?
„Ich war schon vor ein paar Wochen hier und muss sagen: ich liebe Hamburg. Und jeder, den ich treffe, drückt mir die Daumen, dass ich Vitali ausknocke. Das ist nicht seine Stadt, das ist nicht sein Land. Er ist Russe, und ich bin Deutscher, ich bin the black German.“