FEBRUAR 10

MAGAZIN "EXTRA-Spezial" am 08.03.2010:
01.02.10 "Angst vor den neuen Nachbarn! Woran die Integration von Ausländern in Deutschland scheitert"
Ahmed M. (re.) und Mehdi M. (c) RTL / Stefan Gregorowius
Ahmed M. (re.) und Mehdi M. (Mi.) im Ladenlokal von Wasim Okko (32, li.) (c) RTL / Stefan Gregorowius
Ahmed M. (li.) und Mehdi M. (c) RTL / Stefan Gregorowius
Ahmed M. (li.) und Mehdi M. (c) RTL / Stefan Gregorowius
Ahmed M. (re.) und Mehdi M. (c) RTL / Stefan Gregorowius

Angst, Aggression, Andersartigkeit. In dem von Birgit Schrowange präsentierten 60-minütigen "EXTRA - Spezial: Angst vor den neuen Nachbarn! Woran die Integration von Ausländern in Deutschland scheitert", die RTL am 8. März, 22.15 Uhr, zeigt, dokumentieren "EXTRA"-Reporterin Düzen Tekkal und "EXTRA"-Redaktionsleiter Jan Rasmus die hochexplosiven Konflikte zwischen Jugendlichen mit Migrationshintergrund und wohlhabenden, alteingesessenen Bewohnern des ehemaligen Bonner Regierungswohnviertels Bad Godesberg. Dabei gehen sie der steigenden Gewaltbereitschaft der meist muslimisch geprägten Teenager auf den Grund und konfrontieren erstmalig zwei jugendliche Straftäter mit Opfern gewalttätiger Übergriffe. Das Fazit der Autoren und von Experten: Die in Bad Godesberg gescheiterte Integration wirft längst düstere Schatten auf die zukünftige Entwicklung in ganz Deutschland.

HIER können Sie die Pressemappe mit ausführlichen Informationen zu diesem EXTRA-Spezial downloaden.
 

"Das Bad Godesberg Phänomen" – zwei Welten prallen aufeinander

Sie fühlen sich heimatlos, als Außenseiter im eigenen Land. Die einen haben alles, sie, als Migranten, haben nichts. Jetzt aber schlagen sie zurück, holen sich, was ihnen vermeintlich zusteht. Bundesweit liegen Jugendliche mit Migrationshintergrund in den Kriminalstatistiken weit vorn. So auch in Bad Godesberg, ein besonders anschauliches Beispiel für die zunehmende Gewaltbereitschaft. Hier liegen edle Villen und renommierte Gymnasien nur wenige hundert Meter Luftlinie von den Vierteln entfernt, die nach dem Weggang der Bundesregierung hauptsächlich von zugezogenen Migranten bewohnt werden. Zwei Welten prallen aufeinander.

In dem einstündigen "EXTRA"-Spezial ist das RTL-Team ganz nah an den Tätern dran und begleitet Ahmed (19) und Mehdi (26) durch die Straßen von Bad Godesberg. Die beiden Intensivstraftäter erzählen dabei von ihrem Leben und ihrer Perspektivlosigkeit und äußern sich zu ihrem aggressiven Vorgehen. "Die Deutschen hier im Villenviertel haben alles, wir haben gar nichts. Ich ziehe die ab und nehme mir das, was mir zusteht. Sonst denkt ja keiner an mich“, so Ahmed, der seit seinem 11. Lebensjahr als Vollwaise auf sich allein gestellt und derzeit wegen schwerer Raubdelikte auf Bewährung ist. In der Akte des 26-jährigen Mehdi stehen bereits über 1000 Einbrüche. Wegen seiner Straftaten saß er bereits sechs Jahre im Gefängnis. Sieht er keine Möglichkeit, auf legale Weise in Deutschland Geld zu verdienen? "Wer soll mich denn einstellen bei dem Vorstrafenregister? Ich würde mich doch selber nicht einstellen." Der Intensivstraftäter, dessen Eltern aus dem Iran stammen, hat längst resigniert

Experten warnen vor einer bundesdeutschen Entwicklung


Viele jugendliche Migranten kommen oft aus bildungsfernen Schichten. Sie haben kaum Perspektiven auf dem Arbeitsmarkt und spüren deutlich die ungleiche Chancenverteilung. Der soziale Neid wächst und damit auch die Aggressivität und ihre Gewaltbereitschaft. Beim sogenannten "Abziehen" wohlhabender Jugendlicher bleibt es dabei schon lange nicht mehr. Einbrüche und Ladendiebstähle stehen auf der Tagesordnung. Laut Polizeistatistik NRW gab es von Oktober bis Dezember 2009 insgesamt 158 Einbrüche. Opfer und Polizei bleiben machtlos zurück.
Der anerkannte Soziologe Wolfgang Bergmann kennt sich mit der Integrationsproblematik bestens aus und warnt: "Das Problem der gescheiterten Integration ist keineswegs mehr ein isoliertes Thema nach dem Motto: 'Das geht mich nichts an und spielt sich nur in Berlin- Kreuzberg ab'. Es zieht jetzt in die Villenviertel der feinen Leute und das ist das Beispiel Bad Godesberg.“

Dabei gibt es ebenso positive Beispiele für Integration in der Nachbarschaft. "Die Jungs machen sich das zu einfach und schaden uns allen damit, weil die Deutschen dann denken, dass alle Migranten kriminell sind", so Wasim O. (28). Er hat syrische Wurzeln, ist in Bad Godesberg geboren und aufgewachsen und heute Geschäftsführer eines Computerfachgeschäfts. Auch bei ihm wurde versucht, einzubrechen. "Ich habe mir alles hart erarbeitet. Auch ich habe Migrationshintergrund und bin ohne Vater aufgewachsen, aber das ist kein Grund für mich kriminell zu werden“, führt er Ahmed und Mehdi vor Augen.

Das besondere Konfliktpotential der dritten Migrantengeneration

Auf den Straßen von Bad Godesberg treffen Ahmed und Mehdi auch auf den türkischen Buchautor Cem Gülay (39). Nach einer langen kriminellen Laufbahn hat er in einer Autobiographie seinen Frust über das Verhalten der Deutschen gegenüber Einwanderern ausgedrückt, aber auch Kritik an dem Verhalten von Migranten geübt. "Es sind Grenzviertel, da sind Konflikte vorprogrammiert. Die Migranten denken, da ich sowieso schlechter gestellt bin, perspektivlos bin und mir alles egal ist, habe ich wenigstens eins: die Gewalt", weiß Cem Gülay aus eigener Erfahrung. Laut Experten bietet dabei die 3. Generation der Migranten besonderes Konfliktpotential. Wolfgang Bergmann: "Die erste Generation versucht, sich anzupassen, die zweite sieht Aufstiegschancen, in der dritten hat man resigniert. Die Deutschen erkennen beispielsweise die Türken nicht an, aber die Türken sind jetzt auch nicht mehr bereit, die Deutschen anzuerkennen."
Das "EXTRA-Spezial: Angst vor den neuen Nachbarn! Woran die Integration von Ausländern in Deutschland scheitert" ist eine alarmierende Bestandsaufnahme aus der Perspektive aller Betroffenen. Sie zeigt, wie wichtig Integrationsmaßnahmen wie frühkindliche Förderung, Bildung und das Schaffen von positiven Vorbildern sind.


Die "EXTRA"-Spezial-Autoren Jan Rasmus und Düzen Tekkal im Presse Aktuell-Interview:


Jan Rasmus (Redaktionsleiter von "EXTRA"):


Sie sind Redaktionsleiter von "EXTRA" und Autor des "EXTRA"-Spezials. Wie schätzen Sie die Brisanz des Themas "gescheiterte Integration in Deutschland" insgesamt ein?
Jan Rasmus: Ich denke, das ist eines der großen Gesellschaftsthemen der nächsten Jahre. Denn mit der Zahl der nicht integrierten und gewaltbereiten Jungendlichen und jungen Erwachsenen steigt auch die Zahl der Menschen, die sich von Ihnen bedroht fühlen. Das kann man gut in Bad Godesberg beobachten, wo die Integration gescheitert ist und Kriminalität und Gewalt an der Tagesordnung sind. Und wenn das Thema erst einmal in der Lebenswelt der Deutschen angekommen ist, dann ist es ein Thema, das alle betrifft.

Das "EXTRA" Spezial ermöglicht Einblicke in die Gedanken und Lebenswelt junger Straftäter mit Migrationshintergrund. Wie haben Sie diese Menschen selbst erlebt?
Jan Rasmus: Ich bin kein Sozial-Romantiker. Aber Ahmet, das ist die Hauptfigur unserer Reportage, hatte wirklich ein schweres Schicksal. Er wurde mit 11 Jahren Vollwaise, ist also ohne Eltern aufgewachsen. Es gab keinen Lebensplan, dazu kam soziale Kälte. Aus Wut auf die anderen, denen es vermeintlich so viel besser geht, wurde irgendwann kriminelle Energie. Eine bessere Idee hatte Ahmet nicht. Weil ihm - wie vielen Migranten-Kindern - die positiven Beispiele und Vorbilder fehlen, wie man es bei uns zu etwas bringen kann. Entweder Rapper oder Gangster, das ist es. Aber der Ahmet weiß, dass seine Mutter nicht stolz wäre auf das, was er tut. Das zerreißt ihn innerlich.

Wie schwierig ist es, das Problem der gescheiterten Integration in Deutschland in einer Reportage aufzugreifen? Läuft man nicht Gefahr, Vorurteile gegenüber Ausländern zu schüren?
Jan Rasmus: Selbstverständlich tut man das. Aber das müssen wir in Kauf nehmen. Leider gibt es viele Menschen, die hören sowieso nur das, was sie hören wollen. Die erreicht keine andere Botschaft. Aber deswegen können wir doch nicht den Mantel des Schweigens über dem Thema ausbreiten, so wie es viele Bad Godesberger tun. Manche schweigen aus Angst vor Repressalien, andere haben wirtschaftliche Interessen im Auge, wiederum andere Sorge, in die 'rechte Ecke' gestellt zu werden. Aber alle gemeinsam haben ein Problem. Und wir verstehen uns als das Sprachrohr für diese Menschen und ihre Sorgen. Wir trauen uns, Wahrheiten auszusprechen  - auch wenn sie unbequem sind.


Düzen Tekkal (Redakteurin/Reporterin "EXTRA"):

Sie haben bereits mehrere Beiträge zum Thema Migration verfasst. Wie schätzen Sie die Prognose von Experten ein, dass sich Konflikte wie in Bad Godesberg auf ganz Deutschland ausbreiten werden?
Düzen Tekkal: Ich glaube, dass das Thema sogar noch unterschätzt wird. Im Zuge meiner Recherchen, habe ich immer wieder die Erfahrung gemacht, jemand, der nichts zu verlieren hat, nicht an diese Gesellschaft glaubt, der wütend, perspektivlos und frustriert ist, stellt eine Gefahr für jede Gesellschaft dar. In Bad Godesberg kommt dies durch die unmittelbare Nähe der gutsituierten bürgerlichen Viertel und der im hohen Maße von Arbeitslosigkeit betroffenen Migrantenviertel besonders deutlich zum Ausdruck.

Sie haben die straffällig gewordenen Jugendlichen Ahmed und Mehdi über eine längere Zeit begleitet. Wie haben Sie die jugendlichen Straftäter bei den Dreharbeiten erlebt?
Düzen Tekkal: Einerseits war ich schockiert über die anfänglichen Aggressionen und die Wut auf ihr verkorkstes Leben, die mir entgegen strömten. Erstaunlicherweise waren sie durchaus reflektiert. Sie wissen genau, dass Sie die Verlierer sind. Andererseits hatte ich das Gefühl, dass sie dankbar dafür waren, dass ihnen endlich mal jemand Gehör schenkt und sich ihrer Probleme annimmt. Denn das sind sie nicht gewohnt. Mehdi hat längst resigniert. Seine 6-jährige Inhaftierung und die schlechten Erfahrungen im Gefängnis haben ihn so sehr geprägt, dass er nur eins im Kopf hat: Rache nehmen an den Deutschen. Bei Ahmed habe ich vor allem eine tiefe Traurigkeit und Hilflosigkeit wahrgenommen. Als Vollwaise ist er hier ganz auf sich allein gestellt. Gemeinsam haben sie allerdings den ausdrücklichen Wunsch, dass sich was in ihrem Leben ändert.

Sie haben selbst kurdische Wurzeln. Wie wichtig ist es Ihnen, auf das Thema der Integrationsproblematik in Deutschland aufmerksam zu machen?
Düzen Tekkal: Sehr wichtig, die Tendenzen die ich auf Deutschlands Strassen wahrnehme, sind mehr als beunruhigend. Es sind Kampfansagen an unsere Gesellschaft. Wenn wir uns die demographische Entwicklung in diesem Land vergegenwärtigen und die Tatsache, dass jedes 3. Kind in Zukunft Migrationshintergrund haben wird, erklärt sich von selbst, warum es wichtig ist, dass wir diesen Teil der Gesellschaft integrieren. Integration heißt für mich, sich als erwünschtes Mitglied dieser Gesellschaft zu fühlen. Auf der anderen Seite müssen die hier lebenden Migranten auch noch deutlichere Bekenntnisse zu unserem hiesigen Wertesystem üben.

Ist Integration für Migrantenkinder aus bildungsfernen Schichten überhaupt möglich?
Düzen Tekkal: Ich selbst habe, wie gesagt, kurdische Wurzeln und bin eines von 11 Geschwistern. Meine Mutter ist Analphabetin und zu Hause wurde kein Deutsch gesprochen. Aber trotzdem ist uns die Integration gelungen, weil uns die richtigen Werte vermittelt wurden und wir frühkindlich im Kindergarten gefördert wurden. Ob Schule oder Sportverein, in meiner Kindheit gab es keine Trennung von Deutschen und Migranten. Das kann man mittlerweile leider nicht mehr behaupten.


Hinweis: Aktuell ruft RTL zum dritten Mal zur Teilnahme am Com.mit Award für Integration auf. Der RTL-Medienpreis richtet sich gezielt an Schülerinnen und Schüler, die in Eigenregie, als Gruppe oder im Rahmen eines Schulprojektes Konzepte für Filmbeiträge erarbeiten können zum Thema Integration und Migration. Schirmherrin ist die Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration, Staatsministerin Prof. Dr. Maria Böhmer. RTL-Chefredakteur Peter Kloeppel: "Junge Menschen erreicht man gerade über die Medien sehr gut. Wir wollen ihnen die Möglichkeit geben, ihre Erfahrungen mit dem Thema Integration mit Hilfe des Fernsehens auszudrücken und sie damit für dieses Thema zu sensibilisieren. Die rege Teilnahme und die außergewöhnlichen Ergebnisse in den vergangenen Jahren sind Beleg dafür, wie stark Schüler dieses Thema anspricht." Ausführliche Informationen gibt es unter www.rtlcommit.de.